Die Gruppe

Die integrative Gruppe „Brücke-Krücke“ behinderter und nicht behinderter Jugendlicher und junger Erwachsener besteht seit 1981. Sie ist an die Katholische Jugendagentur in Bonn angegliedert. Ursprünglich organisierte der damalige katholische Stadtjugendseelsorger von Bonn im Jahr der Behinderten 1981 eine Fahrt von behinderten Jugendlichen nach Rom. Anstatt professionelle Betreuer mitzunehmen, lud er nicht behinderte Jugendliche, zumeist aus unterschiedlichen katholischen Jugendgruppen, aber auch evangelische, kirchlich engagierte Jugendliche ein. So kam eine Fahrt mit etwa 45 Jugendlichen zustande. Daraus entwickelte sich die Gruppe Brücke-Krücke. Der Name soll verdeutlichen, dass es unser Anliegen ist, die zwischen Behinderten und Nichtbehinderten bestehende Schlucht bzw. Kluft zu überbrücken. Die jährlichen Urlaubsfahrten sind nach wie vor ein Höhepunkt im „Brücke-Krücke“-Programm. Bisher unternahm die Gruppe Reisen nach Rom, London, Paris, Prag, etc. Bei allen Aktionen gelten zwei wichtige Grundsätze:

  • Die Organisation wird von den behinderten und nicht behinderten Jugendlichen gemeinsam übernommen.
  • „Alle oder keiner“. So hat die Gruppe es z. B. durchsetzen können, den Schiefen Turm von Pisa mit den Rollstuhlfahrern zu erklettern, ebenso die Stufen des Pariser Eiffelturms zu überwinden oder Zugang zu den für Gehbehinderte unzugänglichen Katakomben in Paris zu erlangen.

In unserer Gruppe wird das Selbstbewusstsein der Jugendlichen gestärkt. Sie können in einem geschützten Rahmen eigene Ideen vorstellen und, wenn die Gruppe zustimmt, umsetzen. Gerade für Behinderte ist dies sehr wichtig. Es ist ein eindrucksvolles und bestärkendes Erlebnis für sie, in dieser Gruppe sozusagen nicht „behindert“ zu sein. Jeder bringt sich im Rahmen seiner Möglichkeit ein und gestaltet aktiv mit. Unser Vorhaben versucht das Problem zu mildern, dass Behinderte oft nur in Gruppen mit professionellen Betreuern ohne ihre Eltern verreisen können. Unser Projekt richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. Bei Brücke-Krücke handelt es sich um eine Jugendgruppe, weshalb die Gruppenmitglieder zwischen 14 und 27 Jahren alt sein sollten. Da die Bindung zur Gruppe sehr eng ist, engagieren sich jedoch auch ältere Mitglieder über das eigentliche Gruppenalter hinaus. Dadurch können wertvolle Erfahrungen innerhalb der Gruppe weitergegeben werden. Die Gruppe ist ein bunt gemischter „Haufen“ Jugendlicher aus allen sozialen Milieus; es sind Schüler, Sonderschüler, körperlich, geistig oder psychisch Behinderte, Auszubildende, Studenten, Arbeitnehmer und Akademiker. Brücke-Krücke folgt dem Gedanken der Inklusion: die behinderten und nicht behinderten Jugendlichen gestalten gemeinsam das Programm. Dabei sind alle ehrenamtlich tätig. Unterstützt werden sie von einer hauptamtlich beschäftigten pädagogischen Mitarbeiterin und von einem FSJler oder BFDler. Die hauptamtliche Tätigkeit ist prinzipiell subsidiär und vorwiegend administrativ. Ca. 2- bis 3-mal pro Monat finden Tagesveranstaltungen statt, wie etwa Besuche in Theater oder Kabarett, Grillen, Feten, Wanderungen, Fahrradtouren, gemeinsame Frühstücke etc. Darüber hinaus gibt es jedes Jahr eine Fahrt in ein Selbstversorgerhaus nach Ahrhütte (Eifel).

Du willst uns besser kennen lernen? Folgende Erfahrung wurde in der Festschrift zum 20. Jubiläum im Jahre 2001 abgedruckt:

In der Mitte der Brücke von Arno Becker

Silvester 1985: Ich gehe die Treppen hinunter in den KJA-Fetenkeller. Musik aus der damals noch ziemlich jämmerlichen Anlage schlägt mir entgegen. Vor ein paar Tagen habe ich meine letzte Chemotherapie hinter mich gebracht, vor einigen Wochen mein Bein amputiert bekommen und körperlich war ich nach einem halben Jahr im Krankenhaus und ein paar Litern Zellgift ziemlich am Ende.
Obwohl damals noch eher etwas zu weich für dieses Leben, war Realismus meine stärkste Seite. Mir war schon damals klar, dass meine Behinderung wenig Einschränkung mit sich bringt, doch ist mir auf dieser Sylvesterparty bewusst geworden, dass ich allenfalls eine "Hautabschürfung" im Vergleich zu anderen Gruppenmitgliedern habe.
Glück gehabt!? Oder auch nicht. Die nächste Zeit musste ich auch mit meinem Schicksal leben lernen, ohne es übermäßig wichtig zu nehmen. In den nächsten Jahren ist Brücke-Krücke ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Das Klima, welches in der Gruppe herrscht, lässt Raum für eine Entwicklung in die richtige Richtung.
Es gibt kein Mitleid, Hilfe wird nur dort gegeben, wo es sich nicht vermeiden lässt oder wo danach gefragt wird. Als Behinderter kommt man nicht in Versuchung, sich hängen zu lassen, ist im Gegenteil sogar ständig gefordert.
Als Nichtbehinderter hält man sich nicht in übertriebener Hilfsbereitschaft auf, sondern bekommt ein Auge für das Wesentliche. Die Grenzen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten werden fließend. Unterschiede werden nicht mehr unbedingt wahrgenommen.

Ich wage nicht, zu behaupten, dass dieses System perfekt funktioniert, aber ich bin davon überzeugt, dass die Gruppe den richtigen Weg geht. Es geht nicht darum, ob jemand behindert ist oder nicht, schwarz ist oder weiß, dick oder dünn. Es geht nur darum, etwas für die Gruppe zu tun, um von ihr etwas zu bekommen.
Wer sich seinen Möglichkeiten entsprechend engagiert und für gute Stimmung sorgt, hält die Gruppe am Leben, und das wird honoriert. Wer dazu nicht in der Lage ist - auch egal. Und wer sich drückt, muss sehen, wo er bleibt.

Wenn ich mir eine Gesellschaft vorstelle, die nach diesen Prinzipien lebt, gäbe es das Wort "Ausländerhass" zum Beispiel gar nicht. Nur eine allgemeine Abneigung gegen Menschen, die sich bewusst distanzieren. Der Charakter ist entscheidend, nicht die Physis.

Ich habe mich immer als eine Art Bindeglied gesehen, da ich zwar behindert bin, aber es kaum mehr auffällt.
Damit habe ich erreicht, was ich wollte. Um mit unserem Brücke-Krücke-"Logo" zu sprechen: Als Behinderter habe ich gelernt, so viel wie möglich selber zu machen, egal wieviel Kraft es kostet, und damit ein paar Schritte in Richtung Nichtbehinderung zu gehen.
Als Nichtbehinderter muss man lernen, das richtige Maß an Hilfsbereitschaft zu finden und das Wort Mitleid zu vergessen. Erfahrungsgemäß trifft man sich dann in der Mitte der Brücke.